Ein Tag in der Wohngruppe aus Sicht einer 12 jährigen

07:00 Ich werde wach, weil ich die anderen höre. Ich bin noch müde und habe schlechte Laune. Manchmal weckt mich auch der Erzieher.
07:15 Ich setze mich an den Tisch und frühstücke. Hoffentlich spricht mich keiner an.
07:30 Ab ins Bad: waschen, kämmen, Zähneputzen
07:45 Ich versorge noch mein Tier, schnappe meine Tasche und gehe zur Schule.
13:30 Ich komme nach Hause, esse Mittag in der Küche, quatsche mit Moni.
14:00 Hausaufgabenzeit! Ich mache Hausaufgaben, Klaus kommt ins Zimmer, hilft mir und holt mir ein neues Matheheft, dann höre ich Musik und kümmere mich um mein Tier.
15:00 Heute muss ich mein Zimmer aufräumen, meine Wäsche waschen und den Besteckkorb ausräumen. Dazu brauche ich nur eine Stunde, dann bin ich schon fertig.
16:00 Ich rufe meine Freundin an und frage, ob sie Zeit hat. Sie kommt erstmal zu mir. Wir gehen zusammen raus, machen Faxen, reden über Schule und Jungs oder hören Musik.
18:30 Abendessen! Ben und Moni sind total laut. Das nervt!
19:00 Ich gehe duschen und treffe mich mit Denise in ihrem Zimmer und rede mit ihr, was so los war.
19:50 Jetzt kommt Logo. Das gucke ich gerne.
20:00 Manchmal tobe ich gerne mit Ben und Nora, aber heute gehe ich direkt ins Zimmer und mache mich fürs Bett fertig.
20:30 In der Zimmerzeit kommt Klaus, wir erzählen oder spielen Karten, und danach höre ich noch eine Geschichte auf CD, die ich mir gestern in der Bücherei ausgeliehen habe.
21:00 Mein Licht ist aus. Hoffentlich kann ich schnell einschlafen.

 

Ein typischer Tag eines Erziehers (als es noch 24 Std. Dienste gab)

10:30 Mein Dienst beginnt: Übergabe! Ich höre und lese, was in den letzten Tagen los war.
11:30 Mein Kollege geht, die ersten Kinder kommen von der Schule. Begrüßung und erste Gespräche. Ich plane den Nachmittag.
12:45 Mittagessen. Unruhe, jeder will erzählen, fällt dem anderen ins Wort. Chris braucht noch ein Heft für den Nachmittagsunterricht.
13:15 Die jüngeren haben Langeweile, toben rum. Meine Vorschläge kommen nicht an. Also muss ich sie anders stoppen. Bin ungeduldig und laut. Blöd!
14:00 Hausaufgabenzeit: Alle sind in ihren Zimmern, ich renne von einem zum anderen und versuche, allen gerecht zu werden. Moritz will kein Mathe machen: Ermutigen, motivieren und schließlich Druck ausüben. Endlich macht er es. Puh!
15:00 Schnell Geld für den Einkauf rauslegen, die Liste noch mal kontrollieren, die Nachmittagsschüler begrüßen und erzählen lassen, schnell aufs Klo.
15:30 Zwei müssen zum Zahnarzt, haben Angst; beruhigen, ermutigen, beim Zähneputzen dabei sein und sie dann losschicken. Gleichzeitig einen heftigen Streit zwischen Ali und Moni schlichten, worauf beide sich gegen mich verbünden! Werde heftigst beschimpft.
16:00 Die ersten haben wieder Hunger, kleine Snackrunde, eine Tasse kippt um, Tisch und Boden wischen. Schaffe ich, einen Kaffee zu trinken?
16:30 Zwei gehen zum Fußballtraining, ich nutze die Gelegenheit und kaufe schnell mit Moni Schuhe und bringe für Sven Socken mit.
17:00 Chris klagt über Bauchschmerzen, ich versuche einzuschätzen, wie ernst ist es. Vielleicht reicht doch eine Wärmeflasche. Superlaute Musik aus einem Zimmer. Also los, damit die Nachbarn sich nicht beschweren. Anna fühlt sich total im Recht, die Nachbarn sind so wieso doof, längere Diskussion. Am Ende macht sie leiser, das Gespräch hat gewirkt. Gutes Gefühl.
17:30 Endlich ein bisschen Zeit zum Spielen: Raus mit dem Ball, das genießen auch die Kinder.
18:15 Schnell die Fußballspieler vom Platz abholen, kurzes Gespräch mit dem Trainer wegen dem Spiel am Samstag, da sind nämlich Elternbesuche.
18:30 Abendessen, alle sind ausnahmsweise mal entspannt und erzählen friedlich vom Tag.
19:00 Unruhe. Einige wollen nicht duschen, obwohl es bitter nötig wäre. Krach, Geschrei! Gut, dass sie dann doch noch einlenken. Und Jonas möchte mir was am PC zeigen. Kurzer Blick, anerkennende Worte und zurück in den Kampf.
19:50 LOGO! Das lieben die Kinder und ich kann mal durchatmen.
20:00 Zimmerzeiten beginnen. Bei jedem Kind anders: Schachspielen, nächsten Tag durchsprechen, Vorlesen, Zimmer mit aufräumen, schnell noch Vokabeln abfragen und und und. Bin ich müde!
21:30 Alle in den Zimmern und die meisten in den Betten. Jetzt schnell aufräumen, Spülmaschine anmachen, Wäsche runterbringen, Lichter ausmachen, Hoftür abschließen … und einen Tee kochen! Morgigen Tag vorplanen, Tagebuch schreiben, Kasse abrechnen und Post durchschauen.
22:30 Ich falle ins Bett, was ich leider erst noch „aufbauen“ musste, vorher E-Mails auf Wichtigkeit prüfen, PC ausschalten und dann?..schlafen!
05:00 Ali steht vor meinem Bett, er hat schlecht geträumt und traut sich nicht zurück in sein Zimmer. Ich stehe auf, beruhige ihn und bringe ihn in sein Bett. Er schläft fast sofort wieder ein, ich nicht!
06:30 Aufstehen! Bin ich noch müde nach der kurzen Nacht! Frühstück vorbereiten, Kinder wecken, Medikamente verteilen, an Turn- oder Schwimmzeug denken,
07:30 Zähneputzen begleiten, Jacken nicht vergessen und die ersten gehen los zur Schule.
08:00 Auch die letzten machen sich auf den Weg, heftige Auseinandersetzung, weil Chris trotz acht Grad draußen meint, mit T-Shirt und kurzer Hose losgehen zu können.
08:10 Ruhe!!! Genuss! Kaffee?
08:20 Telefon: Eine Mitarbeiterin vom Jugendamt ruft an, möchte einen Termin fürs Hilfeplangespräch. Kurzer Austausch über jetzige Situation von Anna, Termin muss im Team abgestimmt werden.
08:30 Ich setze mich an den PC, muss einen Entwicklungsbericht schreiben, um mich herum liegen Akte, Notizen, Infos von der Schule, komme gut rein.
08:45 Telefon: Moritz ist in der Schule schon in der ersten Stunde total ausgerastet, beleidigt und schlägt Kinder und Lehrer, muss sofort abgeholt werden, Schulausschluss bis Montag.
09:00 Alle Unterlagen wieder weggeräumt, Kind abgeholt und Situation durchgesprochen, Aufgabenzettel gegeben und für leises Arbeiten im Zimmer gesorgt. Kann ich es wagen, einen neuen Versuch zu machen, am Entwicklungsbericht weiterzuarbeiten?
10:00 Ja, einen großen Teil habe ich geschafft! Jetzt alles wegräumen Zwei Termine machen: Kieferorthopäde und Kinderarzt. Den Handwerker erinnern, dass er noch eine Ecke nachstreichen muss.
10:15 Moritz loben, weil er so gut gearbeitet hat bis jetzt, kurze Frühstückspause auch mit unserer Küchenfee. Dann Moritz neue Aufgaben geben und Entschuldigungs-möglichkeiten für morgen mit ihm überlegen.
10:30 Übergabe, alles loswerden, was so war und die Erkenntnis, dass es eigentlich ein ganz normaler Dienst war.
11:30 Ich packe meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg. Hoffentlich habe ich alles Wichtige weitergegeben … die Bauchschmerzen von Chris habe ich total vergessen, hoffentlich ist es nichts Ernstes! Ich rufe lieber noch mal in der Gruppe an.